Tintenfisch

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Wasserfrau Éala

Wasserfrau Éala erzählt weiter:
Kontakt mit den Regenbogenländlern

Hallo lieber Leser, ich bin außerhalb dieser Geschichte, stecke meine Nase jetzt aber tief in sie hinein. Keine Sorge, das Abenteuer um den Tintenfisch-Teenager geht gleich weiter! Ach ja … meine Nase gehört zu mir und mir, das bin ich, das ist die Wasserfrau Éala. Ich bin eine Freundin der beiden Zwillingsköniginnen Rosa-Linde und Linda-Rose, die ich hin und wieder besuche. Dazu steige ich aus dem Meer, das um die grüne Insel Irland wogt und schäumt. Juhuuuu … dort im wilden Wasser unterhalb mächtiger Klippen und unter Schwärmen schneeweißer Möwen lebe ich mit zahllosen anderen Meeresbewohnern, ob Wassermännern, Wasserfrauen und Wasserkindern oder prächtigen Fischen, Seesternen, Krabben, Delphinen und zahllosen weiteren Meerestieren.  

Ich, Éala, bin eine Wasserfrau, die man auch Nixe nennt, mit blassgrüner Haut und langem dunkelblondem Haar, in dem sich Muscheln, Schneckenhäuser und farbenprächtige Fische tummeln. Es macht ihnen Freude, mich auf meinen Reisen unter Wasser zu begleiten, und sie kommen und gehen, wie sie wollen. Ständig im Haar trage ich einen wunderschönen kleinen Seestern in leuchtend lachsroter Farbe, den ich sehr lieb gewonnen habe – und er mich. Es ist ein kleiner Seesternjunge und heißt Alfie. Mein Fischschwanz ist von dem Grünton, wie ihn die Blätter von Bäumen haben, wenn sie sich im Frühling bei der ersten Wärme ausrollen und vom Sonnenlicht durchflutet sind. Von derselben Farbe sind meine Augen, die ein wenig schräg stehen, obgleich ich keine Elfe bin.

Uiii … wie die Zeit vergeht, ich erzähle und erzähle, dabei will ich Euch längst das neue Abenteuer schildern, das dem kleinen Ole Ander Decabrachia kurz nach seiner Ankunft im Regenbogenland widerfahren ist. Ihr könnt Euch vorstellen, dass alle Bewohner dieses Landes über sein Erscheinen höchst erstaunt waren, denn meines Wissens ist dieses Land zuvor noch nie von einem Tintenfisch besucht worden. Oh … ich wollte doch längst zu Ole Anders weiterem Abenteuer kommen … blubb … blubb … blubb.

Räusper … Also höre, lieber Leser: Die wunderbare Mutter Erde hielt Ole Ander in ihren zärtlichen Armen, und in der langen Zeit, die der kleine Tintenfisch-Teenager erzählte, auf welche Weise er ins Regenbogenland gekommen war und was er alles in seinem bisherigen Leben erlebt hatte, wurde er immer schläfriger. Seine Äuglein begannen, ihm zuzufallen. Als leises Schnarchen verriet, dass er eingeschlafen war, wiegte ihn Mutter Erde noch einige Zeit wie ein Baby in den Armen, ehe sie ihn in eine Mulde aus weichem Moos bettete. Dort konnte er schlafen, bis ihn die Sonne aus seinen Träumen kitzeln würde. Leise, um den kleinen Tintenfisch-Teenager nicht zu stören, machten sich die Regenbogenlandbewohner auf den Heimweg und hinein in eine Dämmerung, die das Land in den strahlenden Farben des Regenbogens, wie eine Kuppel, zu überspannen begann.

Am nächsten Morgen, als Ole Ander nach tiefem Schlaf erwachte, wollte er nach Herzenslust gähnen und seine acht Beinchen weit von sich strecken, doch er konnte es nicht! Aufgeregt riss Ole Ander die Augen auf und erkannte, dass ihm um alle Tentakel ein Strick geschlungen worden war. Er war buchstäblich gefesselt! Der kleine Tintenfisch war sprachlos. Aufgeregt wälzte er sich auf der Erde herum, um den Strick um die Beine loszuwerden, was ihm aber nicht gelang. Ole Ander wurde zornig, und wenn er zornig war, konnte es ganz schnell geschehen, dass er Tinte ausstieß. Er spürte, dass er kurz davorstand, wieder einen mächtigen Schwall Tinte auszustoßen, doch da er nicht ein weiteres Mal nach hinten wegkatapultiert werden wollte, presste er tapfer die Lippen zusammen und versuchte, ruhig zu werden. Ruhig und ruhig und ruhig. Dies gelang ihm aber nur kurz, denn im selben Moment ertönte prustendes Gelächter.

Erschrocken riss Ole Ander den Kopf herum und entdeckte neben sich einen Zwerg, kleiner noch als er selbst, der sich wie er auf der Erde herumkugelte und offenbar krumm darüber lachte, was ihm widerfahren war. „Hör auf zu lachen! Mach mich lieber los!“, rief Ole Ander zornig.

Anstatt ihm zu helfen, sprang der Zwerg auf die Beine und hielt sich vor Lachen den Bauch. Nach seinem Aussehen gehörte er wohl zu den Farbenklecks-Zwergen des Regenbogenlandes, denn in seinem Gesicht gab es keine freie Stelle, die nicht von einem Farbklecks verziert war, und direkt auf der Nasenspitze saß leuchtend ein roter Tupfen. Auch sonst war der Zwerg bunt gekleidet von der knallroten Kappe über ein grünes Wams zu braunen Hosen mit gelben Farbklecksen darauf. Wieder hatte sich der Zwerg auf die Erde geworfen, rollte sich vor Gekicher, und deutete immer wieder mit dem Zeigefinger auf Ole Ander. „Uaaaah, siehst du lustig aus … wie ein dickes Ei mit langen Bändern.“

Ole Ander, der inzwischen den Verdacht hegte, dass es eben dieser Zwerg war, der ihm den Schabernack angetan hatte, packte erneut der Zorn. Alle Beherrschung aufbringend, nicht wieder einen Tintenschwall auszustoßen, presste er mühsam hervor: „Hast du das getan?“

„Jaaaaa … das ist doch ein Riesen Spaß!“

„Bind mich sofort los, du hässlicher Farbklecks!“, brüllte Ole Ander, während ihm ein kleiner tiefblauer Tintenschwall entfleuchte und dem Zwerg eine Gesichtshälfte und die rechte Körperseite blau färbte. Was zur Folge hatte, dass der Zwerg neuerlich in schallendes Gelächter ausbrach.

Im selben Moment erschien, wie ein zarter Lufthauch, hergerufen durch das zornige Geplärr des Tintenfisch-Teenagers, aber auch durch das gackernde Lachen des Farbenkleckser-Zwerges, die Regenbogenkönigin Linda-Rose. Als sie sah, was geschehen war, befreite sie Ole Ander augenblicklich von seiner Fessel und hob ihn tröstend auf die Arme. Der beruhigte sich rasch, schmiegte den Kopf gegen die Brust der Königin, und genoss die Fürsorge, die ihm zuteilwurde.

„Warum hast du das getan, Schlumpi Flegel?!“, fragte Linda-Rose mit ihrer lieblichen Stimme, die allerdings eine Spur schärfer war als sonst.

Der Zwerg, der ein Teenager wie Ole Ander war, wenn auch kein Tintenfisch, wurde vor Scham feurig rot im Gesicht. Dass ihn ausgerechnet die Königin bei diesem Streich erwischt hatte, missfiel ihm außerordentlich! Reumütig machte Farbenkleckser-Zwerg Schlumpi aus der Familie der Flegels, eine tiefe Verbeugung vor der Regenbogenkönigin, die ihn die Nasenspitze bis auf die Erde senken ließ. „Verehrte Königin, ich konnte nicht anders. So viele Beine auf einmal wie einen Sack zuzuschnüren, war einfach lustig.“

„Lustig?!“ Die Brauen der Königin hoben sich zweifelnd über ihren Augen, in die ein Blick hinein genügte, um verzaubert zu sein. „Würde dir das gefallen, Schlumpi Flegel, wenn man dir die Beine zusammenschnürte, um Tränen über dich lachen zu können?!“

Schlumpi schluckte mühsam. Nachdenklich verschlang er die Finger ineinander, zog die Unterlippe zwischen die Zähne und hielt dem strengen Blick der Königin tapfer so lange stand, bis dieser durchdringend wurde. Schließlich drückte er das Kinn auf die Brust und starrte angespannt auf seine Füße, die in ausgetretenen Stiefeln steckten, als würde er die Antwort auf die Frage der edlen Linda-Rose nur dort entdecken können.

„Nun, Schlumpi?!“, fragte die Regenbogenkönigin, aus deren Stimme der Zwerg immer noch leises Gewittergrollen heraushören konnte.

„Grmmmphhh …“, gab Schlumpi undeutlich von sich, was freilich keine Antwort sein konnte. Jedenfalls keine, mit der sich eine Königin zufriedengeben konnte.

 „Schlumpi Flegel!“, mahnte die Königin und erntete ein hörbares Schnaufen des Zwergen-Jungen, der mutig den Kopf hob. Schlumpi Flegel aus der vielköpfigen Familie der Flegels, die für neun von zehn Streichen, die monatlich im Regenbogenland verübt wurden, verantwortlich war, steckte in einem viel zu großen Hemd, dessen Ärmel ihm weit über die Hände hingen, in Hosen, die von einem seiner älteren Brüder stammen konnten, und übergroßen Stiefeln. Nur die Kappe saß in richtiger Größe spitz aufragend, und seit kurzem mit tiefblauen Tintenspritzern verkleckst, auf seinem fuchsroten Schopf, unter dem hellgrüne Augen hervorblitzten. In diesen sammelten sich erkennbar Tränen, die einen Lidschlag später ungehemmt hervorzukullern begannen. „Verzeiht, edle Königin, das wollte ich nicht. Ich wollte Ole Ander nicht weh tun … und … und der Schabernack …“, Schlumpi zuckte wie hilflos mit den mageren Schultern, „mmh … war eine blöde Idee von mir … dachte nicht weiter …“

Tapfer machte er die wenigen Schritte auf die Königin und den Tintenfisch-Jungen in ihren Armen zu und streckte diesem die Hand entgegen.“Entschuldige, war echt blöd von mir. Bist doch ein ganz ulkiger … äh … feiner Kerl!“

Ole Ander hatte mit schmollendem Mund zugehört. Sein Herz, das mindestens so groß war wie sein Kopf, war rasch besänftigt. Ach ja, dachte er, der Spaß war ja wirklich harmlos, aber blöde war er auch. Na ja … hab sicher ulkig ausgesehen, wie ich mich da herumwälzte. Aber so richtig albern sieht der Zwerg aus … als wäre er in einen Farbtopf gefallen. Ole Ander grinste versöhnlich. „Schwamm drüber!“ Würdevoll, wie ein Tintenfisch sich zu bewegen und geben verstand, streckte er dem Zwergen-Jungen eine seiner acht Tentakeln entgegen.

Schlumpi ergriff ihn, doch kaum war dies geschehen, hob ihn Ole Ander damit von den Füßen und schüttelte ihn kräftig durch, was das Händeschütteln eines Tintenfisches mit seinem Gegenüber bewirken konnte. Tintenfisch und Zwerg, beide noch grün hinter den Ohren, brachen in lauthalses Gelächter aus.

Auch die Regenbogenkönigin Linda-Rosa war froh gestimmt. Mit einem sanften Lächeln stellte sie Ole Ander wieder auf seine eigenen Füße.

„Denkt Ihr, verehrte Königin, dass Ole Ander ein Besuch bei Pulsatilla Hui Spaß machen könnte?“, fragte Schlumpi Flegel, in dessen Augen es bereits wieder verdächtig funkelte.

Du kleiner Schelm!, dachte die Regenbogenkönigin, denn es war offensichtlich, dass den kleinen Zwerg bereits wieder der Übermut gepackt hatte. „Du denkst an einen kleinen Rundflug für Ole Ander?“  

Eifrig nickte Schlumpi, dem die Vorfreude aus den flussgrünen Augen blitzte.

„Dann richte Pulsatilla Hui von mir aus, dass sie mir unbedingt auf das Wohlergehen des kleinen Ole Ander zu achten hat! Was bedeutet, dass sie fliegen muss, als hätte sie ein rohes Ei auf dem Besenstiel“, sagte die Regenbogenkönigin mit einem im Moment ernsten Blick auf Schlumpi, der die Kappe vom strubbeligen Schopf zog und eine ehrerbietige Verbeugung vor der Königin machte, worauf seine lange Nase ein weiteres Mal die Erde berührte. „Werde ich, edle Königin!“  

Pulsatilla Hui, eine Blumenelfe, lebte in einem kleinen Haus außerhalb des Dorfs. Das Dach des schmucken Häuschens und die Rückfront waren von einem grasbewachsenen Hügel eingenommen. Von dem saftigen Gras futterten, seit sie diesen schmackhaften Grund für sich entdeckt hatten, Gundula und Fridolin Mecker. Was das Ziegenpaar noch hatte stehen lassen, waren die Lieblingsblumen der Hausbewohnerin, nämlich Küchenschellen. Nach diesen Blumen war die drollige Blumenelfe auch benannt. Doch da Loreline Fidelia aus einer vornehmen Familie stammte, bevorzugte sie als Nachname die lateinische Variante der Küchenschelle, die da Pulsatilla lautete.

Gartenhäuschen Pulsatilla

Diese zauberhafte Blumenart gab es zuhauf rings um das Häuschen und in dem dazugehörigen Garten in den Farben, in denen diese Blumenart blühte: Blau, einem kräftigen Violett, in leuchtendem Gelb, in strahlendem Weiß. Auch vor jedem der vielen kleinen Fenster gediehen Küchenschellen und andere Blumen in den Blumenkästen. Selbst als Türglocke am Haus fand sich eine Küchenschelle, wenn auch eine sehr hohe auf starkem Fuß. Aus dem nickenden bald königsblauen Kopf hing der Blütenstempel wie eine Glocke. Ließ man sie erklingen, erhob sich ein zarter und dabei durchdringender Ton, der Pulsatilla Hui von einem Besucher kündete.

Zu beiden Seiten des schmalen Weges zum Häuschen uferten regelrecht farbkräftige Blumenmeere, die einen betörenden Duft ausströmten und zahllose Bienen und Hummeln anzogen. Ole Ander setzte auf dem Pfad elegant einen Tentakel nach dem anderen auf die Erde, während Schlumpi in seinen großen Stiefeln vor ihm her schlurfte.

Pulsatilla Hui, die im Vorgarten arbeitete, hob beim Herannahen der Besucher den Kopf. Sie war eine kleine, etwas beleibte Frau, mit einem freundlichen Gesicht, in dem blau-grüne Augen neugierig funkelten. Überall auf ihrem Kopf tanzten silbergraue Löckchen, was ihr zum munteren Blick eine gewisse Verschmitztheit verlieh. Als der Farbenkleckser-Zwerg und die eigentümliche Gestalt, die Pulsatilla Hui noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, vor ihr stehen blieb, stemmte sie die Hände in die breiten Hüften und musterte den Fremden eingehend. „Wer bist du denn?“, fragte sie frei heraus.

„Ole Ander Decabrachia, ein Tintenfisch aus dem großen Ozean“, antwortete Ole Ander und stemmte voller Stolz selbst zwei Tentakelarme in die Seiten.

„Oh … ein Bewohner der Meere, wie wundervoll!, „stieß Pulsatilla Hui begeistert aus.“ In meinem Leben … und das zählt inzwischen achthundert Jahre, besuchte uns niemals nicht ein Tintenfisch im Regenbogenland.“  

Ole Ander grinste glücklich von einem nicht erkennbaren Ohr zum anderen. Mit seinen Tentakeln gestikulierte er freudig, was aussah, als würde er, obwohl auf zwei Beinen feststehend, tanzen.

„Werte Tilla“, begann Schlumpi Flegel, „die edle Regenbogenkönigin meinte, ein Flug könnte unserem Ole Ander gut gefallen. Ob ihr wohl dazu bereit wäret?“

Pulsatilla Hui, die – weil es rascher ging – jeder im Regenbogenland Tilla nannte, sprengte es schier die Brust vor Begeisterung. „Ein Flug? Ich hab aber gar keine Zeit. Ach ja … die Zeit fehlt mir, kleiner Schlumpi Flegel, die Zeit. Die Blumen brauchen ihre Pflege, das Auflockern der Erde, das lebensspendende Wasser … ach … aber ein Flug über das herrliche Regenbogenland!“ Tilla jauchzte, warf sich trotz ihrer Beleibtheit flink herum und war geschwinder in ihrem Häuschen verschwunden, als Schlumpi Flegel sich belustigt unter der Kappe im dichten Schopf kratzen konnte.  

Als Pulsatilla Hui nach nicht allzu langer Zeit wieder vor die Türe trat, hatte sich ihr Anblick derart verändert, dass Ole Ander unwillkürlich zu prusten begann. Die kleine hausbackene Blumenelfe – man muss wissen, dass Pulsatilla Hui für sämtliche Blumen rund um ihr Häuschen und die Wiesen dahinter bis zum nahen Wald verantwortlich war – hatte sich des weiten bodenlangen Kleides entledigt und sich stattdessen flugtauglich gekleidet. Stolz trug sie eine blütenweiße Rüschenbluse und derbe braune Hosen, Knickerbocker, wie Männer und Jungen und auch Frauen der Menschen sie im 20. Jahrhundert getragen hatten. Darunter waren Tillas Waden nackt, während die Füße in groben Holzpantoffeln steckten, die blütenreich bemalt waren. Auf den unzähligen silbernen Löckchen saß eng eine braune Fliegerkappe und auf ihrer Nase eine Fliegerbrille, hinter deren Gläsern ihre Augen munter hervorfunkelten.  

„Oh … oh … bei allen Clownfischen und beschwipsten Seekrabben, was ist das für ein Anblick!“, krähte der kleine Ole Ander und tanzte jetzt wirklich auf seinen acht Beinen, worüber Schlumpi fassungslos die Augen aufriss. Noch mehr aber riss der Farbenkleckser-Zwerg die Augen auf, als Ole Ander das Missgeschick entfuhr, das ihn überhaupt ins Regenbogenland gebracht hatte: Er stieß vor lauter Begeisterung über Pulsatilla Huis Erscheinungsbild einen Schwall Tinte aus, der ausgerechnet die Blumenelfe traf und sie in einen tiefblauen Nebel hüllte. Als sich dieser verzogen hatte, glaubte Ole Ander, der Anblick der Blumenelfe, der sich ihm nun bot, würde ihn vor Lachen zerreißen. Und nicht nur ihn, sondern auch Schlumpi, der sich mittlerweile vor Erheiterung auf der Erde wälzte.

Pulsatilla Hui war von Kopf bis Fuß blau gefärbt. Die Fliegerkappe war ihr vom Kopf gefegt worden und die Locken, die nicht darunter verborgen gewesen waren, tiefblau. Dabei standen sie wie Igelstacheln vom Kopf ab. Die Brille war blau, die Gläser beschlagen, die ehemals blütenweiße Bluse von einem helleren Blau, die Hose eher dunkler. Freilich waren auch die Waden blau. Und die Pantoffeln. Nur Pulsatilla Huis Zähne, die sie jetzt in einem breiten Lächeln zeigte, waren strahlend weiß geblieben.

Pulsatilla Hui, lebenserfahren und furchtlos im Umgang mit schabernacktreibenden Flegels und unbotmäßigen Äußerungen von Rotzlöffeln ihr gegenüber, rieb sich die tintenblaue Farbe von den Brillengläsern, um wieder sehen zu können, stapfte entschlossen zum Haus und kehrte mit einem großen Besen zu den beiden Jungen zurück. „Ihr Schlingel, wenn ihr nur euren Spass habt, nicht?!“

„War keine Absicht, werte Frau Pulsatilla Hui“, bekräftigte Ole Ander eilfertig, der es kaum schaffte, das anhaltende Prusten zu unterdrücken. Dabei halfen ihm vier Tentakel, die er auf den Mund presste. Grunz … grumpf …

Schlumpi Flegel ging es nicht besser, wobei er die Kappe vom Kopf gerissen hatte und in die Krempe biss. Mmpf….

Dieser Besen ist ja abenteuerlich!, schoss es Ole Ander durch den Kopf, während er ihn verdutzt musterte. Der Weidenbesen war zwar ein Besen, wie er zum Kehren gedacht war, doch der hier war mit zwei gemütlichen Sesseln mit hohen Rückenlehnen ausgestattet, die hintereinander angebracht waren und mit einem Stoff bezogen waren, der ein farbenprächtiges Blumenmotiv zeigte. Vor allem Küchenschellen ragten daraus hervor. Für die Füße waren der Bequemlichkeit halber zu beiden Seiten hölzerne Trittchen montiert.

„Dann mal los, Ole Ander, nimm Platz! Jetzt zeige ich dir unser wunderschönes Regenbogenland“, forderte Tilla den kleinen Tintenfisch auf, worauf Ole Ander seinen Platz im zweiten Sessel einnahm. Pulsatilla Hui sicherte ihn darin auf geschickte Weise mit einem romantisch verzierten breiten Stoffband. „Ist nur für den Fall, dass ich ein paar scharfe Kurven fliegen muss … oder in den Sturzflug gehen …“, murmelte sie, wobei Ole Ander ein wenig von seiner Sicherheit verlor.

Schlumpi Flegel, der sich neben den Besen gestellt hatte, straffte den Rücken und machte ein wichtiges Gesicht. Angestrengt versuchte er, einen gewissen Ernst zu wahren. „Werte Tilla, die edle Königin lässt euch sagen, dass ihr auf Ole Anders Wohlergehen achten sollt!“

„Keine Flugkünste?“, rief Pulsatilla Hui bestürzt.

Schlumpi Flegel schüttelte entschieden den Kopf.

Pulsatilla Hui, die älteste unter den Blumenelfen, auch sonst lebenserfahren, und die einzige und damit beste Weidenbesenfliegerin im ganzen Regenbogenland, seufzte ergeben. „Wohl wohl, Schlumpi Flegel, wenn das der Wunsch unserer Königin ist, muss es halt sein.“

Entschlossen warf sie sich in den vorderen Sessel, stellte die Füße auf die Trittchen, und versetzte dem Besen einen Klaps gegen den Stiel, worauf dieser augenblicklich von der Erde abhob. Er stieg so rasch in die Höhe, dass Schlumpi Flegel nahe bei Pulsatillas Häuschen bald nur noch als ein Winzling auszumachen war, der sich die Kappe vom Kopf gerissen hatte und wild damit winkte.

Pulsatilla lenkte den Besen immer höher, wobei Ole Ander ein unangenehmes Rauschen in die Ohren bekam, wie er es noch nie gehabt hatte. Sobald Pulsatilla allerdings eine gewisse Höhe erreicht hatte, hielt sie den Besen ruhig und gerade und die Geräusche in Ole Anders Ohren vergingen. Endlich konnte der kleine Tintenfisch-Teenager genießen, was er unter sich sah: Endlose grüne Wiesen und Wälder, glitzernde Flüsse und Seen, Hügel, die von Schafen, Ziegen und Kühen beweidet waren, die dort entspannt grasten und ihr gemütliches Leben lebten. Dörfer erhoben sich in den Häuseranstrichen farbenfroh aus tiefem Waldgrün; Schiffe mit schneeweißen Segeln tanzten über einen riesigen See, der Ole Ander wie ein kleines Meer vorkam.

„Kein Hui, kein Salto, kein doppelter Überschlag und auch kein Sturzflug …. „, murmelte Pulsatilla Hui bedauernd, denn von all dem, was ihr bei ihren Flügen immer besonderen Spaß bereitete, durfte sie nichts dem kleinen Ole Ander präsentieren. Schließlich war sie eine Meisterin im Fliegen, und dabei unter außerordentlicher Geschwindigkeit, was das Hui in ihrem Namen bekräftigte.

„Oh … ah … ist das wundervoll!“, kam es begeistert hinter ihr von dem kleinen Tintenfisch-Teenager, was Pulsatilla Hui besänftigte. Zufrieden strahlte sie.

Auf einmal entdeckte Pulsatilla Hui etwas auf einem Bergplateau, das sie gerade überflogen, und augenblicklich drosselte die fliegende Blumenfee die Geschwindigkeit, die ohnehin nicht geschwind war. „Da schau nur, Ole Ander, hast du jemals so etwas gesehen?!“, rief sie über die Schulter nach hinten und deutete mit dem ausgestreckten Arm in die Tiefe.

Ole Ander entdeckte erst nach einigem Spähen, was Pulsatilla Hui meinte, und griff sich mit fünf seiner Tentakel vor Erstaunen an den Kopf.

Weitererzählt von Möwe Fricka:
Oles Flug über das Regenbogenland

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