Poseidonis Vilius

Rübezahl
Rübezahl

Teil 2

Der Rübezahl

„Na – ICH – der Rübezahl!“, dröhnte es durch das Tal. „Kennt mich hier denn keiner mehr auf dieser Insel? Klar, ich war schon lange nicht mehr hier, aber irgendwas trieb mich heute hierher, und da bin ich. Und siehe da, ich komme genau zum richtigen Zeitpunkt! Ich schaue eurem Treiben schon eine ganze Weile von dort oben aus zu und musste mich schon schütteln vor Lachen!“ Er deutete ganz nach oben auf den höchsten Berggrat.

„Vom Ätna aus konnte ich alles ganz genau beobachten. Und ich muss euch sagen, schön habt ihr das gemacht. Man kann überhaupt nicht mehr sehen, wo die Haare von Vilius abgeschnitten waren. Ich könnte den kleinen Meeresgott an seinen Haarbüscheln nehmen und ihn in seinen kleinen Teich, wie er zum Mittelmeer sagte, wieder hineinsetzen. Aber ich denke, eine kleine Strafe muss hier wohl sein, oder? Was denkt ihr?“

Alle schauten ganz entgeistert den Riesen an. Jeder Einzelne von ihnen hatte vergessen zu atmen. Als alle wieder bei Sinnen waren, ging ein tiefes Einatmen durch die gesamte obere Bergwelt. Die Luft im Tal des Gletschersees schien wieder lebendig zu werden.

Rübezahl hatte eine Art „Schockstarre“ bei allen ausgelöst. Das tat ihm jetzt furchtbar leid. Er nahm die Waldbewohner mit seinen Riesenpranken vorsichtig auf und entschuldigte sich bei ihnen. Das hatte er nicht gewollt!

Nachdem sich alle von ihrem Riesenschreck erholt hatten, waren alle froh darüber, dass der Rübezahl hier war. Und seine Zwerge vom Bergwald erst, die ihren Hüter schon seit ewigen Zeiten vermisst hatten. Mit der Hilfe des Rübezahls und seiner Zwerge konnte nun der Meeresgott Poseidonis Vilius nach Hause gebracht werden. Rübezahl war groß und stark genug, um den Vilius auf seinen Rücken zu legen und mit Riesenschritten mit seinen Riesenstiefeln über die sieben Hügel von Sizilien hinabzusteigen, hinunter zum Mittelmeer, wo der Vilius sein Reich hatte. 

Rübezahls Zwerge flochten die wieder angenähten Haare des Wassermanns zu einem Riesenzopf zusammen, damit sie sich nicht wieder irgendwo verhedderten. Nun war noch die Frage, ob sie den Wassergott nochmals betäuben sollten? Oder riskierten sie einen Wutanfall von ihm? Rübezahl entschied sich für das Aufwachen des Meeresgottes, denn er sollte schon erkennen und daraus lernen, wie er sich und andere in große Lebensgefahr gebracht hatte. So waren sich alle einig, Poseidonis Vilius aufwachen zu lassen, und ihm alles zu erzählen, was sie für seine Rettung so alles geleistet hatten.

Es dauerte nicht lange, bis sich der Meeresgott erneut zu regen begann. Er streckte seine Glieder, bewegte den Kopf und schlug die Augen auf, die von einem tiefen Meergrün waren. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war oder was mit ihm geschehen war. Noch verwirrt staunte er über den Riesen, der vor ihm stand, und die Zwerge und anderen Berggeschöpfe, die sich um ihn versammelt hatten. Sogar ein beeindruckender Waller war darunter, und ein leicht zitternder Zitteraal, als wäre ihm gelegen, bald ins Wasser zu kommen.

Einer nach dem anderen, vorneweg der Waller, erzählten dem Meeresgott, was mit ihm geschehen war. Am schwierigsten fiel es der kleinen Bergnymphe Orade vom Gletscherbergsee, dem Vilius zu gestehen, dass sie seine Haarpracht und damit sein Machtzeichen abgeschnitten hatte. Und wie sie dann zusammen geholfen hatten, seine Haare wieder zusammen zu flechten. Als auch der Waldkobold und der Wurzeldrache mit ihrer Erzählung fertig waren, gab es ein großes Wunder.

Oh Wunder!!!

Der große und starke Vilius begann zu lachen. So lange musste er lachen, bis er doch tatsächlich zu weinen begann. Danach erzählte er seinen Rettern, wie er die ganze Zeit über alles mitangesehen hatte: Seine Panik in dem Kanal, in dem er gefangen gewesen war, seine Rettung. Alles hatte er von einem anderen „Platz“ aus gesehen. Er hatte sich jedoch aus dieser „Wasserblase“ heraus, in der er sich befunden hatte, nicht verständlich machen können.

Sein Geist hatte sich aus dem Wassermannfischkörper entfernt. Er war zwar immer in unmittelbarer Nähe seines Fischkörpers gewesen, aber eben nicht in seinem Körper. Als Geist in der Wasserblase hatte er alles sehen und fühlen können, was um ihn herum geschehen war und wie alle Bergwaldbewohner und Seebewohner und vor allem die kleine Bergnymphe sein Wassermannleben gerettet hatten.

Poseidonis Vilius hatte noch Tränen in den meergrünen Augen, als er zu den um ihn stehenden Geschöpfen, angefangen vom riesigen Rübezahl und seinen Zwergen und den Bewohnern des sizilianischen Berges und der klaren Bergseen sagte, dass er ihnen seine Rettung niemals im ganzen Leben vergessen würde. Er nahm die kleine Bergnymphe Orade auf und drückte sie vorsichtig an sein Herz. Wieder rollten Tränen der Erleichterung über sein Wassermanngesicht. Der große Poseidonis Vilius war von innerer Rührung so überwältigt, dass er keine Worte mehr fand. Der Waldhüter Rübezahl wollte nun vom Vilius wissen, wie es dazu kam, dass er sich im Inneren des Bergmassivs befunden hatte, weitab von seinem Wasserreich.

Vilius erzählt:

Sein Bruder, der große Meeresgott Poseidon, hatte ihn, seinen kleinen Bruder, beauftragt, nach den beiden Tintenfischjungen Olé und seinem Bruder Olé-Olé zu sehen. Auf ihrer Weltreise, die ihnen von Poseidon gestattet worden war, lebten sie, bis sie weiterreisen würden, im Mittelmeer in einer Felsenhöhle. Vilius sollte sich nach dorthin aufmachen und nachsehen, ob alles in Ordnung war und kein anderer Meeresbewohner, den beiden Tintenfischjungen die Felsenhöhle streitig machen würde.  

So erkundete Poseidonis Vilius die Höhle und fand heraus, dass sie zu einem riesigen Felsenaufgang führte. Sein Unternehmungsgeist und Wissensdurst hatten ihn nicht mehr losgelassen. Er war immer höher und höher die Höhle hinaufgestiegen, war in wunderschöne Grotten und riesige Tempelhöhlen, die mit Meereswasser gefüllt waren, gekommen. So hatte er Zeit und Raum vergessen und war von einer Höhle zur nächsten geschwommen, bis er in den Schacht gekommen war, immer höher und höher hinaufgeklettert war. An dem Gestein hatte er die wunderschönen Felsenmuster und Muscheln betrachtet und war auf Felsenbewohner gestoßen, die zwischen den scharfen Spalten lebten. Kleine, neugierige Geschöpfe mit großen Augen und gerade von solcher Größe, dass sie in einer seiner kräftigen Hände sitzen konnten. So staunte Poseidonis Vilius ein ums andere Mal, und bemerkte zuspät, dass er mit seinen Haaren in den Felsenritzen hängen geblieben war.

Die weitere Geschichte ist bekannt …

Rübezahl

Nachdem Poseidonis Vilius mit seiner Geschichte zu Ende war, dachte man daran, dass es höchste Zeit war, dem Meeresgott die Heimreise zu ermöglichen.

Rübezahl erzählte, wie er es sich überlegt hatte, den Poseidonis-Sprössling nach Hause zu bringen: Er würde ihn auf seine Schultern setzen und über die Berge in die südöstliche Richtung hinwegschreiten. Das wäre der kürzeste Weg zum Meer. Dann könnte der Meeresgott durch die Straße von Messina wieder in seinen heimatlichen Bereich gelangen. Wenn der Meeresgott erst einmal im Wasser war, würde er keine Hilfe mehr brauchen und von selbst nach Hause finden.

Da es jetzt in die Nacht hineinging, war es auch besser, gleich loszumarschieren, denn dann waren die Menschen in ihren Häusern und würden die beiden riesigen Reisenden nicht sehen. Vilius bekam noch den Mantel vom Rübezahl umgehängt und den großen Schlapphut auf den Kopf, damit er seine Haarpracht darunter verstecken konnte. Der weite, lange Mantel des Riesen versteckte auch Poseidonis‘ Fischschwanz und die Flossen darunter sehr gut.

So konnte die Heimreise des Wassermannes beginnen. Die beiden Wanderer hatten sich viel zu erzählen auf ihrem Weg über die Berge. Vilius konnte sich gar nicht sattsehen an der oberirdischen Welt und dem Sternenhimmel in der Nacht so nahe zu sein.

Mit Riesenschritten ging die Reise über Berg und Tal, am immerzu rauchenden Ätna vorbei, in dessen Schlot beide sehr gerne hineinschauen wollten. Doch Ätna wollte seine Ruhe haben und stieß aus Protest noch zusätzlich eine bisserl glühende Kohle aus. Dicker Rauch brachte den Rübezahl und den Meeresgott zum Husten.

Sie kamen zügig voran. Bald sahen sie das Mittelmeer vor sich liegen. Vilius‘ Herz schlug freudig seinem Heimathafen entgegen. Aus der Höhe betrachtete er liebevoll sein Reich, dass endlos erscheinende Wasser, auf dem das Licht der Sterne und des Mondes lagen. Die leicht kräuselnde Wasseroberfläche ließ den Nachthimmel tausendfach widerspiegeln. Vilius brannte es im Herzen vor Sehnsucht, weil ihm bewusst wurde, wie sehr er seine Heimat, das Meer, liebte!

Viel hatte er auf seiner Reise gelernt. Vor allem, dass er sein Mittelmeer und all seine Meeresbewohner sehr liebte. Nun konnte er seinen großen Bruder Poseidon viel besser verstehen, der so manches Mal stolze, ja begeisterte Worte über ihrer beider Heimat verlor. Offenbar hatte Poseidonis Vilius erst einmal in der Ferne sein müssen, um erkennen zu können, wie schön das Zuhause war.

Poseidonis Vilius schien ein anderer Meeresgott geworden zu sein.

Irgendwie erwachsen!

Fortsetzung Teil 3: Heimkehr des Poseidonis

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